FINANZEN IN AMERIKA
Stand September 2026

Deutsche Rente und Social Security: Beide bekommen, ungekürzt

Veröffentlicht 08. September 2026 · Fassung 1.0

Antwort
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Kurz vorweg, weil es die Frage ist, mit der fast jeder hierherkommt: Ja. Wer in Deutschland und in den USA gearbeitet hat, bekommt beide Renten. Und seit Januar 2025 bekommt er die amerikanische in voller Höhe, ohne Kürzung wegen der deutschen Rente.

Das ist neu. Vierzig Jahre lang galt das Gegenteil. Deshalb ist fast alles, was auf Deutsch zu diesem Thema im Netz steht, also Blogartikel, Forenbeiträge, ältere Videos, inzwischen überholt. Nicht ungenau. Falsch.

Das Wichtigste in Kürze

  • Beide Renten gibt es. Zwei getrennte Ansprüche aus zwei getrennten Systemen. Sie schließen sich nicht aus.
  • Die Kürzung ist weg. Die Windfall Elimination Provision (WEP) wurde mit dem Social Security Fairness Act abgeschafft, rückwirkend für alle Zahlungen ab Januar 2024.
  • 40 Credits sind die Eintrittshürde für eine eigene US-Rente, also rund 10 Jahre US-Arbeit. 2026 gibt es 1 Credit je 1.890 Dollar Einkommen, maximal 4 pro Jahr.
  • Wer die 40 nicht schafft, dem hilft das Totalisierungsabkommen: deutsche Versicherungszeiten zählen mit, um den Anspruch zu erreichen. Voraussetzung sind mindestens 6 eigene US-Credits.
  • Zusammengerechnet wird der Anspruch, nicht die Höhe. Deutsche Jahre machen die US-Rente nicht größer.
  • Beide Renten muss man aktiv beantragen. Es gibt keinen Automatismus zwischen DRV und SSA.

Zwei Systeme, zwei Zählweisen

Das Grundproblem beim Rechnen über die Grenze: Die beiden Systeme zählen völlig unterschiedlich.

Die deutsche Rente sammelt Entgeltpunkte. Wer genau den Durchschnittslohn verdient, bekommt für das Jahr einen Punkt. Am Ende steht: Punkte mal aktueller Rentenwert gleich Monatsrente. Jedes Beitragsjahr zählt, vom ersten bis zum letzten.

Social Security funktioniert an zwei entscheidenden Stellen anders.

Erstens: die 40-Credit-Hürde

Für einen eigenen US-Rentenanspruch braucht es 40 Credits. Pro Kalenderjahr sind maximal 4 zu holen. 2026 entsteht 1 Credit je 1.890 Dollar sozialversicherungspflichtigem Einkommen; ab 7.560 Dollar im Jahr sind alle 4 Credits erreicht.

40 Credits entsprechen damit ungefähr 10 Jahren Arbeit in den USA. Wer nach 8 Jahren zurückgeht, hat aus eigener Kraft keinen Anspruch. Genau an dieser Stelle greift das Abkommen, dazu weiter unten.

Wichtig ist die Zählweise: Credits hängen ausschließlich am Jahreseinkommen, nicht daran, in welchen Monaten gearbeitet wurde. Wer im Januar 7.560 Dollar verdient und danach nicht mehr arbeitet, hat für dieses Jahr trotzdem alle 4 Credits.

Zweitens: die 35-Jahre-Regel

Die US-Rente wird aus den besten 35 Verdienstjahren berechnet. Fünfunddreißig. Wer weniger hat, und als Deutscher mit 10, 15 oder 20 US-Jahren hat man immer weniger, dessen fehlende Jahre werden nicht mit den deutschen Jahren aufgefüllt.

Sie werden mit Nullen aufgefüllt.

Ein Beispiel: 15 Jahre in den USA gearbeitet, ordentliches Gehalt. In der Berechnung stehen 15 echte Jahre und 20 Nullen. Der Durchschnittsverdienst, auf dem die Rente aufbaut, wird dadurch massiv verwässert.

Das klingt nach einem schlechten Geschäft. Ist es aber nicht, wegen der Formel.


Die Formel: 90, 32, 15

Die Social-Security-Formel ist ausgeprägt progressiv, und zwar zugunsten kleiner Einzahler.

Aus den besten 35 Jahren, Nullen inklusive, wird ein monatlicher Durchschnittsverdienst gebildet. Auf diesen Durchschnitt wird eine Staffel angewendet, die sogenannten Bend Points:

Stufe des DurchschnittsverdienstsAnteil, der als Rente ankommt
unterste Stufe90 %
mittlere Stufe32 %
alles darüber15 %

Neunzig, zweiunddreißig, fünfzehn.

Und hier kippt die Sache ins Positive: Die 20 Nullen drücken den Durchschnitt nach unten. Dadurch landet ein größerer Anteil des Verdiensts in der 90-Prozent-Stufe. Das System ist für Geringverdiener gebaut. Aus Sicht der Formel ist jemand mit 15 US-Jahren ein Geringverdiener, auch wenn er in diesen 15 Jahren gut verdient hat.

Pro eingezahltem Dollar kommt bei einer Teilkarriere prozentual mehr Rente heraus als beim amerikanischen Kollegen mit 35 vollen Jahren. Die Nullen tun weh, die Formel federt sie ab.

Genau an dieser Stelle saß früher der Haken: Die WEP-Kürzung ersetzte für Menschen mit ausländischer Rente die 90 Prozent durch bis zu nur noch 40. Dieser Haken ist seit 2025 verschwunden.

Die konkreten Dollar-Grenzen zwischen den Stufen werden jährlich neu indexiert. Die Prozentsätze 90/32/15 sind strukturell stabil, sie stehen seit Jahrzehnten so im Gesetz.


Das Totalisierungsabkommen: was es tut, und was nicht

Seit 1979 besteht zwischen Deutschland und den USA ein Sozialversicherungsabkommen. Es tut genau zwei Dinge. Und ein drittes, das ihm ständig zugeschrieben wird, tut es ausdrücklich nicht.

Es verhindert Doppelbeiträge. Wer von seinem Arbeitgeber vorübergehend in die USA entsandt wird, bis zu 5 Jahre, bleibt im deutschen System und zahlt keine US-Beiträge. Wer lokal angestellt ist, zahlt in den USA. Ein System, nicht beide.

Es erlaubt das Zusammenrechnen von Versicherungszeiten, um Ansprüche zu erreichen. Der klassische Fall: 8 Jahre in den USA gearbeitet, also 32 Credits, die 40er-Hürde verfehlt. Ohne Abkommen gäbe es keine US-Rente. Mit Abkommen werden die deutschen Versicherungsjahre angerechnet, um die Hürde zu nehmen. Voraussetzung sind mindestens 6 eigene US-Credits, also rund anderthalb Jahre US-Arbeit. Umgekehrt gilt dasselbe: US-Zeiten helfen, deutsche Wartezeiten zu erfüllen.

Was es nicht tut, der häufigste Irrtum überhaupt:

Zusammengerechnet wird der Anspruch, nicht die Höhe.

Deutsche Jahre machen die US-Rente nicht höher. Jedes Land zahlt am Ende nur für die Beiträge, die bei ihm selbst eingegangen sind. Die USA berechnen einen anteiligen Betrag aus den US-Jahren, Deutschland zahlt für die deutschen Entgeltpunkte. Zwei getrennte Renten aus zwei getrennten Töpfen.

Wer behauptet, das Abkommen „überträgt” Rentenansprüche von einem Land ins andere, hat es nicht verstanden. Es wird nichts übertragen. Es wird gezählt.


Der Fairness Act: was sich 2025 geändert hat

Vierzig Jahre lang stand ein Gesetz von 1983 zwischen deutschen Auswanderern und ihrer vollen Social Security: die Windfall Elimination Provision (WEP).

Die Logik damals: Wer eine Rente aus Arbeit bezieht, für die keine US-Sozialabgaben gezahlt wurden, und dazu zählte die deutsche Rente, sollte nicht zusätzlich von der großzügigen 90-Prozent-Stufe profitieren. Also wurde in der ersten Stufe gekürzt, auf bis zu nur noch 40 Prozent. Real bedeutete das mehrere hundert Dollar weniger, Monat für Monat, lebenslang. Dazu kam der Government Pension Offset (GPO), der Ehegatten- und Hinterbliebenenrenten kürzte, teils auf null.

Am 5. Januar 2025 wurde der Social Security Fairness Act unterzeichnet, Public Law 118-273. Er streicht GPO und WEP vollständig aus dem Social Security Act und gilt für Leistungen für Monate nach Dezember 2023, also rückwirkend ab Januar 2024.

Die SSA formuliert es so: Dezember 2023 war der letzte Monat, in dem WEP und GPO angewendet wurden. Es handelt sich um eine vollständige, dauerhafte Aufhebung ohne Befristung.

Rund 3,2 Millionen Menschen waren betroffen, überwiegend Lehrer, Polizisten und andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst der USA, aber eben auch Deutsche mit Rentenansprüchen aus beiden Ländern.

Der Punkt, der teuer werden kann

Wer bereits Leistungen bezog, dessen Zahlung wurde von der SSA automatisch angehoben; die Nachzahlungen sind weitgehend abgewickelt. Für komplexere Fälle läuft die Bearbeitung nach Angaben aus dem Jahr 2026 noch.

Anders sieht es aus, wer nie einen Antrag gestellt hat, etwa weil er davon ausging, wegen WEP lohne es sich ohnehin kaum. Nach der derzeitigen Auslegung der SSA erhalten Neuantragsteller ohne bereits vorliegenden Antrag in der Regel nur 6 Monate Rückwirkung ab Antragstellung, nicht automatisch bis Januar 2024 zurück. Mehrere Senatoren drängen die Behörde, diese Auslegung zu ändern.

Solange das nicht geklärt ist, gilt praktisch: Jeder Monat Warten kann Geld kosten. Wer anspruchsberechtigt ist, sollte den Antrag stellen und dabei den Fairness Act ausdrücklich erwähnen.

Dieser Punkt ist strittig und kann sich ändern. Stand dieses Artikels: September 2026.


Stellschrauben

1. Beide Renten aktiv beantragen

Die Träger wissen nichts voneinander. Es gibt keinen Automatismus.

Deutsche Rente. Verbindungsstellen für die USA sind die DRV Nord, die DRV Bund und die DRV Knappschaft-Bahn-See. Welche davon zuständig ist, muss man nicht wissen: Die Anfrage kann an jede der drei gehen, sie leiten intern weiter.

  • Aus den USA: +49 40 5300-0 (DRV Nord)
  • Innerhalb Deutschlands: 0800 1000 48022, kostenlos, Mo bis Do 8 bis 19 Uhr, Fr 8 bis 15:30 Uhr
  • Schriftlich von überall: Kundenportal oder das Kontaktformular

Wichtig für Leser in den USA: Die kostenlose 0800-Nummer der DRV ist aus den USA nicht erreichbar. Sie funktioniert innerhalb Deutschlands sowie, über 00800 1000 4800, aus Spanien, Österreich und Griechenland. Aus den USA führt der Weg über die reguläre Rufnummer oder schriftlich.

Social Security.

  • In den USA: 1-800-772-1213 (TTY 1-800-325-0778), Antrag und Earnings Record über ssa.gov/myaccount
  • Aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein: die Federal Benefits Unit am US-Generalkonsulat Frankfurt, Gießener Str. 30, 60435 Frankfurt am Main. E-Mail FBU.Frankfurt@ssa.gov, Telefon +49 69 90 555 1100 (Mo, Di und Do 9 bis 11 Uhr). Ein Besuch ist nur mit vorher gebuchtem Termin möglich.

Zur Erwartungshaltung: Die FBU weist selbst darauf hin, dass der Telefondienst eingeschränkt ist, und verweist auf E-Mail und Online-Formulare als verlässlicheren Weg.

Praktisch zu wissen: Ein Antrag in einem Land kann auf Wunsch zugleich als Antrag im anderen Land gewertet werden. Das muss man aber ausdrücklich dazusagen. Für Leistungen nach dem Abkommen ist das Formular SSA-2490-BK vorgesehen.

2. Die Startpunkte sind unabhängig

Das ist der eigentliche Hebel. Social Security lässt sich zwischen 62 und 70 abrufen. Bei 62 gibt es einen dauerhaften Abschlag von rund 30 Prozent; für jedes Jahr Aufschub über die Full Retirement Age hinaus, für die Jahrgänge ab 1960 sind das 67 Jahre, kommen rund 8 Prozent dazu, lebenslang. Die deutsche Rente hat ihre eigene Abschlags- und Zuschlagslogik.

Nichts zwingt dazu, beide gleichzeitig zu starten. Die deutsche Rente früher nehmen und Social Security bis 70 wachsen lassen, oder umgekehrt. Was sinnvoll ist, hängt von Lebensplanung, Gesundheit und Steuerbild ab.

3. Erst die Zahlen, dann die Entscheidung

Ein Konto bei my Social Security anlegen und den Earnings Record prüfen. Gerade bei Wechseln zwischen den Ländern schleichen sich Lücken ein, und falsche Einträge lassen sich später nur mühsam korrigieren. Parallel die deutsche Renteninformation bei der DRV anfordern.

Rechnen lässt sich erst, wenn beide Zahlen auf dem Tisch liegen.


Was dieser Artikel nicht beantwortet

Die Besteuerung. Wer besteuert was, wenn deutsche Rente und Social Security zusammenkommen? Die Antwort steckt im Doppelbesteuerungsabkommen und ist eleganter, als die meisten erwarten. Sie hat aber einen eigenen Beitrag verdient.


Quellen


Stand: September 2026 · Version 1.0

Ich bin kein Steuerberater und kein Anwalt. Dieser Beitrag ist keine Steuer-, Rechts- oder Anlageberatung. Ich teile, was ich selbst gelernt und erlebt habe. Für die eigene Situation: Deutsche Rentenversicherung (kostenlose Beratung, auch aus den USA) und ein auf Deutschland/USA spezialisierter Steuerberater.

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Quellen